Social Media: die Buchpresse des 21. Jahrhunderts?
Geschrieben von Andreas Wagner am 20. Februar 2011 | Abgelegt unter Allgemein, Social Media
Neue Demokratisierung oder Renaissance einer historischen Bewegung?
Wenn man heutzutage von Demokratisierung von Wissen und Meinung redet, mündet es in und meint man oft „Social Media“. Die Simplifizierung von technischen Möglichkeiten und die breite Verfügbarkeit von Kommunikationstechnologie treiben es voran: Jeder kann von wo er möchte mit anderen in Kontakt treten und sich austauschen.
Schlagworte wie Engagement, Empowerment und Involvement tauchen zusammen mit Konsument und Volk auf. Der Begriff des „Sharens“ ist Bestandteil der deutschen Umgangssprache geworden. Es geht um die Befreiung von geistiger Abhängigkeit, von Wissenshoheit.
Der „Kickoff“ waren eine neue Denkhaltung, die Vernunft ins Zentrum von Tun und Handeln rückte sowie die technischen Möglichkeiten, Meinungen abzubilden und zu vertreiben. Es war nun möglich, in übergreifende „Meinungsstreits“ zu treten - national wie international. Klingt bekannt und ist schon über zwei Jahrhunderte her. Ich rede von der Epoche der Aufklärung.
Was genau die Treibstoffe waren, was also was gefördert hat, ist schwer herauszuarbeiten: Vordenker wie Voltaire, Kant, Wieland oder Lessing; die einfachere Möglichkeit des Druckens – fast für jedermann - oder das permanente Voranschreiten der besseren Vernetzung, z.B. durch ausgereifte Postsysteme.
Spannend für mich ist, dass damals bereits eine ambivalente und kritische Beschäftigung der Vor- und Nachteile einer solchen Demokratisierung diskutiert wurden. „Ist es richtig, jeden daran teilhaben zu lassen oder nur qualifizierte Personen?“ „Besteht nicht die Gefahr von Verunsicherung und Fehlinformation – gar die gezielte Falschinformation und Menschen für seine Ziele zu manipulieren?“
Wir glauben heute an das Selbstregulativ im „Social Web“ oder auch „Web 2.0“ und erleben auch seine Schwierigkeiten sowie gezielten Mißbrauch, z.B. durch gezieltes Ghostwriting bei Bewertungen.
Gleiches haben auch die Köpfe der Aufklärungsepoche diskutiert. „[...] Man mag die Sache betrachten, von welcher Seite man will, so wird sich finden, dass die menschliche Gesellschaft bei dieser Freiheit unendlichmal weniger gefährdet ist, als wenn die Beleuchtung der Köpfe und des Tuns und Lassens der Menschen als Monopol oder ausschließlich Innungssache behandelt wird. Nur wollte ich allenfalls raten, [...] eine höchst unschuldige Einschränkung dabei zu verfügen [...]: das sehr weise Strafgesetz der alten Kaiser [...] gegen die heimlichen Konventikel und geheimen Verbrüderungen zu erneuern, und demzufolge allen, die nicht berufen sind, auf Kanzeln und Kathedern zu lehren, kein anderes Mittel zur beliebigen Aufklärung der Menschheit zu gestatten als die Buchpresse.“ (Christoph Martin Wieland, DIE ZEIT Geschichte Nr. 2, 2010, Seite 7)
Aufklärung ist ein Prozess in „[...] Gestalt des Meinungsstreits. Das Demokratische liegt also schon in der Form: Die wechselseitige Kritik ist Aggregatzustand, in dem sich Aufklärung selbst aufklärt.“ (Rüdiger Safranski, DIE ZEIT Geschichte Nr. 2, 2010, Seite 36).
Demokratisierung von Meinung ist kein Phänomen aus dem neuzeitlichen Begriffes „Social Media“. Es ist vielmehr die Renaissance einer Epoche, der es um Emanzipation und Mündigkeit und der damit verbundenen Verantwortung des einzelnen Individuums ging. Ob wir hier einen moralischen Schritt gemacht haben, müssen wir noch beweisen. Davon hängt auch ab, wie viel Gesetzt es geben muss, um die „Buchpresse“ des 21. Jahrhunderts als Werkzeug der Aufklärung für alle und alles offen zu halten. Und der Mut dem Motto zu folgen, das gleichermaßen für die historische Epoche der Aufklärung gilt, wie für den Umgang mit „Social Media“: “Versuche und mache Fehler, aber höre nie auf zu versuchen”.
